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Challenge Walchsee

Rennmorgen... Wechselzone... alles um mich herum wuselt... nervös geht nochmal jeder sein Equipment durch! Schuhe? Helm? Verpflegung? Luft in den Reifen? Kettenöl? Hast du schon was bzgl. Neoverbot gehört?

 

Über den Kirchturm der Gemeinde Walchsee blitzt zum ersten mal die Sonne vor... Alles fühlt sich so schön vertraut an! So spannend! So herrlich normal!

 

Die letzten Monate waren vermutlich für niemanden wirklich einfach. Auch ich hatte neben den ganzen anderen Einschränkungen mental damit zu kämpfen, dass keine Wettkämpfe stattfinden konnten. Am Anfang war mir das gar nicht wirklich bewusst. Laufen und Radfahren ging ja immer und auch die Eine oder Andere Session mit der Trainingsgruppe konnte stattfinden. Aber nach und nach ging mir dann doch die Luft aus... Virtuelle Sessions sind cool... Zwift is auch cool und ein virtueller Run-Bike-Run Wettkampf von Ironman war ne tolle Idee, aber nichts davon wird jemals das ersetzen können, was ich am Wochenende am Walchsee erleben durfte. BACK TO LIFE!!

Seit Herbst letzten Jahres hatte ich nicht mehr nach Trainingsplan trainiert. Ich habe das gemacht, was ich für sinnvoll erachtet hatte. Habe fast ausschließlich in unproduktiven Graubereichen trainiert. Wenig Spitzen... wenig Erholung... wenig Technik im Wasser... wenig Keysession. Kurzum... ich habe mich trainingstechnisch die letzten Monate einfach durchgewurschtelt - und trotzdem hätte ich mich sehr auf den Ironman Graz im Frühjahr dieses Jahres gefreut.

Der wurde dann aber leider verschoben und so stand ich, wie letztes Jahr, wieder ohne Triathlonwettkampf da.

Recht kurzfristig habe ich erfahren, dass die Challenge Walchsee stattfinden kann, dass dafür noch Startplätze verfügbar sind und dass schon einige tRi.P.coaching Jungs und Mädels angemeldet waren!

Also... Startgeld von Ironman zurückzahlen lassen... an die Challenge überwiesen, Hotel gebucht und ab zum Walchsee.

Hohe Erwartungen an meine Form hatte ich natürlich nicht… wo hätte sie auch herkommen sollen? Zwar waren die letzten paar Gruppensessions in den Wochen vorm Wettkampf gut, aber mir war klar, dass sich das Gewurschtel der letzten Monate rächen würde. Mein großes Ziel war einfach: Mal wieder Wettkampfluft schnuppern und Motivation tanken.

 

Um alles so stressfrei wie möglich erledigen zu können, reisten wir (Dani, Flo, Jonas und ich) bereits am Freitag an, holten unsere Startunterlagen und gingen Pizzaessen.

 

Der Samstag war dann, wie immer, ein wenig durchgetakteter… Kurzer Morgenlauf mit Flo, Frühstück, kurzer Rad- und Streckencheck (inkl. Meet & Greet mit den Locals (siehe Bild), Herrichten des Wechselzonenequipments, Rad-Checkin, kurz Schwimmen, Essen, nochmal nervös alles durchgehen, packen und ins Bett fallen!

Da der Start für die Altersklassen leider erst ab 09:20 Uhr angesetzt war, klingelte mein Wecker erst um 06:00 Uhr. Schnell noch die verpflichtenden Unterarm-Tattoos aufgeklebt, mit den anderen ein paar Semmeln am Frühstücksbuffet runtergewürgt und ab Richtung Walchsee.

 

Nachdem die letzten Vorbereitungen in der Wechselzone abgeschlossen waren, begaben wir uns langsam Richtung Start Area. Aus Langeweile bin ich nochmal kurz aufs Dixi gegangen… kann ich nicht empfehlen… versucht euch anderweitig zu beschäftigen! :-)

Um kurz vor halb 10 durften wir dann endlich (mit Neo) ins Wasser. Dieses mal wurde nicht nach gewünschter Schwimmzeit, sondern nach Altersklassen gestartet. Das hat dafür gesorgt, dass man vor allem in der zweiten Hälfte des Schwimmens immer häufiger Brustschwimmer überholen musste (war vermutlich für beide kein Spaß). Aber erstmal kam ich sehr gut rein ins Schwimmen! Hab mich kurzfristig nochmal umentschieden und bin doch mit dem gebrauchten neuen Neo von Tom geschwommen. Ich hab mich vom ersten Zug an super wohl gefühlt im Wasser, hatte keine Probleme mit der Navigation und hatte das Gefühl, relativ flott unterwegs zu sein.

 

Ich hab mich gezwungen, während des Schwimmens nicht auf die Uhr zu schauen, sondern einfach nach Gefühl zu Schwimmen! Das muss anscheinend gut funktioniert haben, denn als ich auf dem Weg zur Wechselzone auf meine Uhr gedrückt habe, stand da eine 34:45! Für das, was ich in den letzten Monaten geschwommen bin, war das auf jeden Fall sehr gut!

Der Wechsel lief dann irgendwie ziemlich chaotisch… statt wie gewohnt sein Zeug auf zwei Wechselbeutel verteilen zu können hat man dieses mal alles in eine Kiste gepackt und musste beim Verlassen der Wechselzone auch wieder alles in diese Kiste zurück packen. Das war ungewohnt und irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass mir die Routine beim Wechsel ein wenig abhanden gekommen ist. Socken anziehen, Helm zumachen, Schuhe anziehen… irgendwie fühlte ich mich überfordert und zu allem Überfluss habe ich in der Wechselzone auch noch Flo getroffen :-)

 

Da er ein ganzes Stück hinter mir gestartet war, war mir klar, dass der Vorsprung jetzt schon weg war und ich für den Radpart nix mehr übrig hatte.

 

Schulter an Schulter sind wir also aus der Wechselzone gelaufen (wo ich zum ersten mal auch Carina, Sonja und Johnny getroffen habe, die am Rennmorgen extra zum Walchsee gekommen waren) und aufs Rad gesprungen. Es ging erstmal ein ganzes Stück bergab und ich versuchte ein bisschen runter zu kommen. Für einen kurzen Ratsch mit Flo war natürlich Zeit! Ich übernahm vorerst die Führung und konnte mich ein wenig nach vorne absetzen… mit dem Wissen, Flo im Rücken zu haben, fiel es mir natürlich nicht so einfach, mich auf mein Rennen zu konzentrieren. Aber ich versuchte trotzdem nicht zu überziehen.

Die Straßen waren teilweise sehr eng, die Abfahrten steil und unübersichtlich… ich versuchte so defensiv wie möglich und so aggressiv wie möglich zu fahren, um bergab nicht zu viele Plätze zu verlieren.

 

Das klappte die ersten 20km auch ganz gut… dann wurden die Beine irgendwie schwer… also hab ich erstmal ein wenig Druck rausgenommen, verpflegt und gehofft, dass die Beine schon irgendwann wieder aufmachen werden. Auf den letzten Metern der ersten Radrunde hab ich kurz den Kopf runtergenommen und auf den Tacho geschaut… wahrscheinlich hab ich mich zu lange mit der Frage beschäftigt, wie ich die Wattwerte jetzt interpretieren soll und vor allem, wie ich mehr Druck aufs Pedal bekomme - als es plötzlich nen Schlag getan hat. Ich bin zu weit von der Straße abgekommen und voll gegen eine Pylone gefahren… ich sah mich schon einen Kopfsprung in den Straßengraben machen, aber irgendwie hat sich das Ding unter dem Rad durchgewurschtelt und ich konnte den Sturz gerade noch verhindern. „Is ma a scho bassiert… muasst a wengl besser aufschauen“ hat mir der Athlet hinter mir noch mit auf den Weg gegeben… Danke… werd ich mir merken :-)

 

So lustig wie es klingt, aber irgendwie hat mich die Aktion ganz schön geärgert. Das hätte ganz anders und vor allem viel blöder ausgehen können… und das alles nur, weil ich unnötig lang den Kopf hängen gelassen hab.

 

Am Ende der ersten Radrunde (a 41km mit 500hm) gibt es eine kurze Wendepunktstrecke und ich hab zum ersten mal gesehen, dass der Vorsprung auf Flo mit vielleicht 1,5 - 2 km nicht besonders groß war. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass er bereits jetzt mit massiven technischen Problemen am Rad zu kämpfen hatte.

Muskulär angeschossen und psychisch vorbelastet ging es also in die zweite Runde… jetzt musste ich mich irgendwie durchkämpfen und immer mehr Aufwand betreiben, um die fallenden Wattwerte einigermaßen hoch zu halten. Mehr Risiko in den Abfahrten war ich nicht bereit einzugehen, also nutzte ich diese als Erholungsphasen, um dann zumindest mit Schwung in die zahllosen Gegenanstiege reinzufahren.

Zu allem Überfluss wurde es jetzt auch noch richtig warm… die Schleierwolken, die noch beim Schwimmen und dem ersten Radpart die direkte Sonneneinstrahlung verhinderten, hatten sich verzogen und ab jetzt war es mal wieder das Duell Flo vs. Sonne :-)

Das letzte hab ich ja recht eindeutig verloren, aber dieses mal war ich besser vorbereitet. Ich versorgte mich also intensiv mit Salz, kühlte mich und machte es mir jetzt zur Aufgabe, mich so frisch wie möglich für den anstehenden 20,6 km Lauf zu machen. Das klappte einigermaßen und auf der Wendepunktstrecke hab ich den Flo dann schon gar nicht mehr gesehen… Entweder er war komplett eingegangen oder meine zweite Runde war doch nicht so übel??

 

Nach 02:35:25 stieg ich vom Rad, um den nächsten Wechsel ins Wasser zu setzen :-)

Radabstieg und Weg zum Wechselplatz hatten noch gut funktioniert. Gerade als ich mir die Radschuhe aus- und die Laufschuhe angezogen hatte, ist eine Wettkampfrichterin auf mich zugekommen und hat sich direkt neben mich gestellt. “Wenn fei nachm Wechsel ned alles in der Kiste liegt griegst a Strafe”... “Alles klar”... Fertig gewechselt, nochmal kurz verpflegt und losgelaufen! Kurz vor Ausgang der Wechselzone “Fuck… hab ich den Neo wieder in die Kiste geworfen??”

 

Kurz überlegt wie hoch die Zeitstrafe dafür wohl wäre und wenns zwei Minuten wären ob es nicht schlauer wäre einfach weiter zu laufen aber hab mich dann doch fürs Umdrehen entschieden. Neo lag natürlich in der Kiste… Fuck!

 

Also ging es mit ner Mischung aus leichter Enttäuschung übers Radfahren, Wut über den Wechselfehler und Vorfreude aufs Laufen aus der Wechselzone.

Die ersten Kilometer nutze ich für einen kurzen Systemcheck… Die Achillessehne zwickte ein bisschen, aber ich wusste aus den Koppeleinheiten im Training, dass das wahrscheinlich zu keinem großen Problem werden würde.

4 Runden um den See… a 5,1 km.

Eigentlich perfekt um sich sein Rennen sauber einzuteilen… Eigentlich!

Bin natürlich wieder einmal zu schnell angelaufen. Die Beine haben sich einfach zu gut angefühlt. Die Laufstrecke war nicht komplett flach, sondern hatte drei kurze, aber ekelhaft Steigungen drin. In der ersten Runde war das allerdings noch kein Problem.

Nach 4 Kilometern hatte ich es geschafft, mich auf ein Tempo zu bremsen bei dem ich wusste, es würde mit nicht komplett zerstören… mit 4:15 pro km lag es zwar 5 Sekunden über meiner Rennpace, aber so hatte ich zumindest noch einen Puffer, wenn ich hinten raus eingehen sollte.

Ich war immer noch der Meinung, dass Flo mir im Nacken sitzt, drum hab ich Carina in der zweiten Runde gesagt, sie soll mir mal den Abstand durchgeben.

Die Hitze wurde immer heftiger, denn fast die komplette Laufstrecke lag in der prallen Sonne. Ich hatte zwar einige Hitzeadaptionsläufe in den letzten Wochen gemacht - aber ich wusste auch, wie schnell es im blöden Fall gehen kann (siehe Frankfurt).

Die zweite Runde lief noch sehr gut und flüssig, aber laangsam wurden die Beine schwerer. Als ich in der dritten Runde bei Carina vorbei kam und sie mir sagte, dass Flo nicht vorbeigekommen ist, wurde mir ganz anders. Es waren einige Notarzteinsätze auf der Radstrecke… Hoffentlich “nur” ein Defekt am Rad!!

Ich versuchte mich von dem Gedanken zu lösen und weiter mein Rennen zu machen. Ich konnte ihm jetzt eh nicht helfen!

In der letzten Runde wurde es super zäh. Anscheinend ging es aber nicht nur mir so, denn reihenweise standen Athleten am Streckenrand und versuchten ihre Krämpfe rauszudehen. Obwohl auch ich mein Tempo sukzessive verringern musste, habe ich immer noch fast nur überholt.

Ich kämpfte mich den letzten Anstieg rauf und musste mich jetzt nur noch irgendwie die 2,5 Kilometer ins Ziel schleppen!

Noch mehr als auf den Zieleinlauf freute ich mich Carina, Sonja und Johnny vorm Ziel nochmal zu treffen! Es ist einfach super cool jemanden an der Strecke zu haben der einen supportet - der sich mit einem freut, der mit einem mitleidet und einem, wenn nötig, auch mal nen Arschtritt verpasst!

Also kurz bedankt und dann endlich in den Zielkanal eingebogen.

Der Zieleinlauf war dieses mal schon irgendwie besonders. Nicht weil meine Zielzeit mit 04:46:56 so unfassbar schnell gewesen wäre… auch nicht weil die Stimmung im Zielkanal so grandios gewesen wäre… für mich war der Zieleinlauf der Gipfel eines unfassbar geilen Rennwochenendes. Die ganze Anspannung ist abgefallen und irgendwie war das nicht nur aus sportlicher, sondern auch aus Coronasicht ein richtiges Aufatmen!

Als Carina mir dann kurz nach Zieleinlauf erzählte, dass es bei Flo tatsächlich “nur” ein Raddefekt gewesen ist und er jetzt auf der Laufstrecke ist, war für mich das Wochenende endgültig perfekt!

Was nehme ich aus dem Rennen mit?

Meine Form ist nicht so schlecht wie ich es noch vor zwei Monaten erwartet hätte. Bis auf den Radpart und die Wechsel war das alles sehr sehr ordentlich und da drauf kann man jetzt bis zum Ironman 70.3 Zell am See definitiv aufbauen!

Es hat mir wahnsinnig Spaß gemacht, das Wochenende mit dem Team zu verbringen, Carina am Sonntag an der Strecke zu haben und die ganzen Emotionen aufzusaugen. Keine virtuelle Veranstaltung wird sowas jemals ersetzen können!

 

Feels good to be back <3

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Kommentare: 1
  • #1

    Jupp (Montag, 05 Juli 2021 11:30)

    Tolle Leistung und schön geschrieben. Wünsch dir alles gute für zukünftige Wettkämpfe!