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Ultra Trail Lamer Winkel

Samstag 06:20 Uhr… ich sitz alleine im Frühstücksraum unserer Unterkunft in Lam, knabber an meiner Semmel und höre mir (zwangsläufig) die Morgensendung des Schlagerradios an. Ich fühle mich einigermaßen ausgeschlafen und bereit für den Tag… so bereit man sich halt fühlen kann für einen 54 Kilometer langen und 2700hm beinhaltenden Ultra Trail.

 

Obwohl die Wettervorhersage Traumbedingungen prophezeit, ist es eiskalt am Start. Hier traf ich schon auf einige bekannte Gesichter… mit Sebi, der heute seinen ersten Ultra Trail finishen wollte, sortierten wir uns irgendwo im Mittelfeld des Startblocks ein und warteten auf den Startschuss.

 

Kurz darauf war es soweit - aber anstatt loszulaufen, folgte das komplette Feld auf den ersten Meter erst einmal einer Blaskapelle, die uns mit einem Ständchen auf die lange Reise schickte.

Die ersten Meter raus aus Lam liefen wir auf Asphaltstraßen, wo sich da Feld ein wenig auseinanderzog. Ich hielt mich erstmal sehr zurück und versuchte meinen Rhythmus zu finden und bloß nicht zu überpacen. Ich wusste, dass es jetzt bis zum Gipfel des Arbers erstmal nur bergauf gehen würde. Die Sonne spitze jetzt zum ersten mal zwischen den Bäumen hervor und beleuchtete die teils noch nebenbedeckten Felder. In diesem magischen Setting ging es immer weiter nach oben Richtung Eck, wo nach 9 Kilometern die erste Verpflegungsstation sowie Zeitnahme auf uns wartete.

 

Ich füllte meine Trinkflasks nach und versuchte nochmal so viel wie möglich zu trinken und zu essen… die nächste Verpflegungsstation war am Arber und bis dahin waren es noch gute 15 Kilometer Anstieg. Das Feld zog sich jetzt langsam auseinander und sortierte sich… trotzdem war ein Überholen auf den wunderschönen aber sehr engen Singletrails oft nur dann möglich, wenn der Vordermann einen vorbei ließ. Die immer noch tiefstehende Sonne machten das Laufen auf den verwurzelten Trails nicht einfacher und immer wieder rutschte ich aus oder knickte um. Sebi hatte ich bereits einige Zeit aus den Augen verloren… er war kurz vor der ersten Verpflegungsstation nach vorne weggelaufen und ich war mir sicher, dass ich ihn heute (außer im Ziel vielleicht) nicht mehr wiedersehen würde. Doch kurz vorm Gipfel des kleinen Arbers lief er dann plötzlich von hinten auf mich auf. Anscheinend war er nur knapp vor mir, und als er dann einen kurzen „Boxenstop“ im Wald erledigen musste, bin ich vorbeigelaufen. Gemeinsam machten wir uns also auf den Weg zum Gipfel des großen Arbers (den mit 1456m höchsten Punkt der Strecke).

Die Verpflegungsstation kurz nach dem Gipfel hatte ich bitter nötig. Ich fühlte mich schon nicht mehr ganz so frisch, die Beine wurden langsam schwer und es waren noch 30 Kilometer zu laufen. Viel hilft viel - und so hab ich erstmal alles in mich reingestopft, was irgendwie ging. Aber jetzt ging es zur Abwechslung erstmal bergab über Forststraßen. Da konnte man es zum ersten mal richtig laufen lassen und nahm endlich ein paar „einfache“ Kilometer von der Uhr. Der Ausblick (wenn man mal ein paar Sekunden hatte, in denen man ihn genießen durfte) war einmalig. Ich wusste, dass bei Kilometer 30 Carina, Kathi (Sebis Freundin) und unsere Eltern warten würden. Entsprechend euphorisiert ballerte ich Richtung „kleiner Arbersee“. 700 Höhenmeter am Stück ging es runter. Ich dachte meine Beine wären froh, dass es jetzt mal bergab ging - aber ich spürte jetzt schon, wie meine vorderen Oberschenkel langsam aber sicher zumachten.

Ich musste unbedingt verhindern, dass ich Krämpfe bekomme… das wäre definitiv zu früh gewesen. Ich nahm also immer wieder Salz und ließ es ein wenig langsamer angehen. Immer wieder hatten jetzt auch Athleten vor mir mit Krämpfen zu kämpfen. Endlich erreichte ich Kilometer 32, wo Carina und der restliche Support auf uns warteten. Es war, vor allem für den Kopf, schon super, sie alle hier dabei zu haben!! Ich trank noch ein paar Schluck Cola und machte mich gemeinsam mit Sebi an den Anstieg Richtung Langlaufzentrum Scheibe, wo sich die dritte Verpflegungsstation befand. Dass es jetzt wieder bergauf ging, tat meinen Beinen gut und wir machten viele Plätze gut! In der Verpflegungsstation traf ich dann Markus Winklmeier, der leider aktuell mit einer Verletzung an der Ferse zu kämpfen hat. Ich freute mich über den Ratsch mit ihm und so verging der verbleibende Anstieg auf das Zwercheck. Der folgende Downhill war für mich kaum laufbar… ich war musuklär mitterweile ziemlich im Eimer und froh, dass mich Winkl vom Nachdenken über meine Schmerzen abgelenkt hat.

Nach einer gefühlten Ewigkeit spuckte uns der Singletrail auf eine Schotterstraße aus und wir konnten wieder ein wenig schneller Strecke machen. Kurz vor dem Schlussanstieg auf den Ossergipfel lief dann Sebi wieder auf uns auf. Er machte einen guten Eindruck und ich hängte mich jetzt an ihn dran. Winkl musste ein wenig abreißen lassen, aber ich wusste genau, dass wir ihn früher oder später wieder sehen würden. Es waren jetzt noch 300 Höhenmeter bis zum Gipfel des Ossers (von wo es nur noch bergab ins Ziel gehen sollte).

Entsprechend motiviert und euphorisiert stiefelte ich den Singletrail nach oben. Mittlerweile war es, vor allem in der Sonne, relativ warm geworden und mir ging das Wasser in meinen Flasks aus. Ich machte weiter Plätze gut… bis ich kurz vorm Gipfel einen Motorplatzer hatte. Jeder Schritt war jetzt eine Qual und jeder Höhenmeter ein Kampf. Endlich war ich oben angekommen und stolperte in die letzte Verpflegungsstation. Ich tankte nochmal Cola nach, stopfte ein paar Gummibärchen rein, ein Frischkäsebrot, Tomaten und ein Keks… alles nochmal mit Cola nachspülen, Flasks auffüllen und weiter gehts. Als ich die Verpflegungsstation verließ, sah ich, dass Sebi und Winkl fast zeitgleich gerade eingelaufen waren. Ich trat die Flucht nach vorne an und begab mich auf den letzten Downhill Richtung Lam. Es waren ja jetzt „nur“ noch 7 Kilometer bergab.

 

Aber bereits bei den ersten Schritten wurde mir klar, dass es verdammt lange 7 Kilometer werden würden. Meine Beine waren abgemeldet. Ich stolperte und humpelte mehr schlecht als recht nach unten und es dauerte nicht lang, bis Winkl nicht nur aufgelaufen kam, sondern mich überholt hatte. Bereits nach wenigen Minuten hatte ich ihn aus den Augen verloren und ich wusste - es war nur eine Frage der Zeit, bis mich auch Sebi einsammeln würde.

Es überholten mich immer wieder Leute und bei jedem war ich mir sicher, dass es Sebi sein würde… aber er kam nicht. Egal. Es blieb mir nichts anderes übrig als mich auf den Downhill zu konzentrieren und das Ding jetzt so gut und schnell wie möglich ins Ziel zu bringen.

 

Zu den geschrotteten Beinen wurde ich jetzt auch langsam im Kopf immer müder und stolperte immer wieder. Rückblickend war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mich hinlegen würde - so kam es dann auch. Erstmal fühlte es sich herrlich an, auf dem moosbewachsenen Boden zu liegen…. so schön weich… keine Schmerzen mehr in den Beinen… warum eigentlich nicht liegen bleiben? Größtes Problem: Weißbier gabs leider erst im Ziel!

 

Also aufgestanden, kurz die harmlosen Schürfwunden inspiziert und weiter ging es. Ich hing mich an die nächste Gruppe Läufer, die mich einsammelten und versuchte mit allem was ich hatte dran zu bleiben. Das gelang mir auch und ich war jetzt wenigstens ein wenig abgelenkt. Endlich spuckte uns der „Holy Trail“ aus und ein Schild mit „das Ende naht“ zauberte mir ein Lächeln aufs Gesicht. Ich kämpfte mich den letzten Kilometer Richtung Osserbad und nach einem Siegerbussi von Carina und abklatschen mit meinen Eltern ging es mit letzter Kraft durch den Zielbogen. Vor dem Rennen hatte ich mit einer Zeit von um die 8 Stunden gerechnet. Dass jetzt die Uhr am Zielbogen 7:24:47 zeigte, war absolut fantastisch. Mit Platz 94 von 303 Finishern bin ich super happy!

 

Kurz darauf kam auch Sebi ins Ziel und wir konnten endlich unsere Siegerhalbe genießen!

Es war ein fantastischer Tag! Das Wetter war super! Die Strecke war gigantisch und der Wettkampf war top organisiert! Ich hab mich wie immer super gefreut, dass die Mädels und meine Eltern als Support an der Strecke waren und uns so mega unterstützt haben!! Vielen Dank!

 

Heute (am Tag danach) fühl ich mich ein wenig wie vom Zug überrollt und es gibt wenig Muskeln in meinem Körper, die mir nicht weh tun. Ich werde es jetzt die nächsten Tage ruhig angehen lassen und dann top motiviert in die Ironmanvorbereitung für nächstes Jahr starten!! Pack mas!!

 

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